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Bevölkerungsschrumpfung und Rentenproblem



Seit einem halben Jahrhundert gilt der eherne Satz der Entwicklungsökonomie, dass starkes Bevölkerungswachstum zu Verarmung, Arbeitslosigkeit, Zerstörung der Ressourcen, Hunger, chronischer Unterernährung und Verelendung der Kinderreichen führt.

Wie Bevölkerungswachstum ehedem relativ blühende Länder tatsächlich in die Massenverarmung geführt hat, lässt sich in Iran, Marokko, Guatemala, Haiti und vielen anderen Staaten studieren.

Wenn Bevölkerungswachstum schlecht ist, weil es knappes Kapital und beschränkte Ressourcen unter immer mehr Menschen aufteilt, müsste logischerweise das Gegenteil, nämlich Bevölkerungsschrumpfung, gut sein.

Bevölkerungsschrumpfung teilt Kapital und Ressourcen unter immer weniger Menschen auf, macht also den Durchschnittsbürger reicher.

Friedlich Lütge, der eminente Münchner Wirtschaftshistoriker, formulierte in den Fünzigern das Gegensatzpaar Krieg und Pest. Der Krieg, sagte er, zerstört die Sachen, lässt aber die meisten Menschen am Leben. Die Pest und andere Seuchen töten die Menschen, lassen aber die Sachen unversehrt.

Die Pestjahre des späten Mittelalters reduzierten europäische Bevölkerungen um ein bis zwei Drittel: die glücklichen Überlebenden erbten die gesamte Kapitalausstattung und erzielten zeitweise landwirtschaftliche Überschüsse. Dieser unverhoffte Kapital- und Wohlstandsschub ermöglichte den wirtschaftlichen und technischen Aufschwung in den folgenden Jahrhunderten der Renaissance und des Barock.

Zyniker mögen hinzufügen, dass also auch die Aids-Epidemie in Afrika die Überlebenden bereichern und damit den so bitter nötigen wirtschaftlichen Aufschung auslösen wird. Doch die Analogie stimmt nicht: die Pest tötete (weitgehend) ohne Unterschied; Aids trifft vor allem die wirtschaftlich leistungsfähigen Erwachsenen und lässt die wenig produktiven Kinder und Greise am Leben.

Hört man Kontinentaleuropas Politikern zu, so vernimmt man, dass der erwartete oder tatsächliche Bevölkerungsrückgang in Italien, Deutschland und Frankreich, in Kombination mit steigender Lebenserwartung, entsetzliche Folgen zeitigt. Immer weniger Junge müssen für die Renten von immer mehr Alten arbeiten; die Abgabenlast der Arbeitnehmer steigt ins Unerträgliche, und die Wirtschaft lahmt.


Der Generationenvertrag

In den siebziger Jahren kursierte in Italien in Schülerkreisen ein böses Buch Come uccidere mamma e papà, "Wie bringt man Mutter und Vater um", in dem handfest erklärt wurde, die Alten hätten schon zu lange gelebt; sie nähmen den Jungen ihr Recht auf Herrschaft und Wohlstand weg, und müssten daher verschwinden.

Ganz so krass wird das Dilemma zwar heute nicht formuliert: man spricht stattdessen gebildet von der Verletzung des (fiktiven) Generationenvertrags.

Wie ist es möglich, dass die wirtschaftlich so löbliche Bevölkerungsschrumpfung so kritisiert wird?

Die Verlängerung der Lebenserwartung, Triumph moderner Medizin, Hygiene und besserer Ernährung, ist auch in die Kritik geraten.

Von der Steinzeit bis zum Mittelalter blieb die Lebenserwartung beklagenswert kurz. Kinder, kaum bei der Geschlechtsreife angelangt, galten schon als Erwachsene mit allen Rechten und Pflichten, denn das Leben war kurz und brutal. Wenig Zeit stand für Investitionen in Erziehung und Ausbildung zur Verfügung, denn die Kosten mussten ja binnen weniger Arbeitsjahre amortisiert werden.

Ab der Renaissance begann die Lebenserwartung zu steigen, langsam erst, dann immer schneller. Mehr Arbeitsjahre standen nun zur Verfügung; die Ausbildungsinvestitionen warfen immer höhere Renten ab, die zu steigendem Wohlstand führten. Hohe Humaninvestitionen, kombiniert mit hoher Lebenserwartung, erzeugten endlich den heutigen Massen-Wohlstand.

Und nun soll die weiter zunehmende Lebenslänge im Verein mit Bevölkerungsschrumpfung plötzlich als Problem gelten? Da regt sich der Verdacht, dass vieles nicht verstanden ist.


Bevölkerungsschrumpfung vs. Lebenserwartung

Zunächst muss man sich darüber klar werden, dass unsere europäischen Bevolkerungen seit langer Zeit geschrumpft wären, hätte es die eingetretene Lebensverlängerung nicht gegeben.

Bevölkerungen mit niedriger Lebenserwartung — bedingt vor allem durch hohe Kindersterblichkeit — benötigen die gesamte biologisch verfügbare Fruchtbarkeit (8 bis 12 Kinder pro Frau) nur um ihren Bestand zu erhalten.

Bei steigender Lebenserwartung reichen schon 4 bis 5 Kinder aus, um die Bevölkerung rasch wachsen zu lassen, wie dies in Europa etwa zwischen 1880 und 1950 der Fall war.

Auch heute mindert die weiter steigende Lebenserwartung die Tendenz europäischer Bevölkerungen (und Japans), zu schrumpfen. Man sollte also logischerweise entweder die Schrumpfung oder die zunehmende Lebenslänge beklagen, aber nicht beides. Soviel zumindest in der demografischen Theorie.

In der wirtschaftlichen Praxis sieht die Sache ein wenig anders aus. Heute findet die Lebensverlängerung nicht mehr am Anfang (perinatale und Kindersterblichkeit), sondern vornehmlich dem Ende zu (Erwachsenen- und Greisensterblichkeit) statt. Nachdem aber Senioren definitionsgemäss im gesellschaftlichen Austrag hocken und nichts (oder wenig) zur Wirtschaftsleistung beitragen, bringt die jetzige Lebensverlängerung der Wirtschaft nur wenige produktive Jahre zusätzlich ein.

Mit anderen Worten: die steigende Lebenserwartung vergrössert eher den Anteil der Unproduktiven als den der Produktiven in einer europäischen Bevölkerung und verschleiert die Tatsache, dass eine solche Bevölkerung nur deswegen wenig (oder noch nicht) schrumpft, weil sie zunehmend vergreist.

Das ist des Pudels (oder des Konfliktes) Kern, populär betrachtet. Real betrachtet, bietet sich die Situation jedoch ganz anders dar.

Die Vergreisung einer Bevölkerung ist keineswegs ein neues Phänomen, sondern eine Entwicklung, die schon seit dem Mittelalter Bestand hat. Ein Fünfzigjähriger war im Mittelalter und noch lange danach ein alter Mann. Don Juan d'Austria schlug die Türken in der Seeschlacht von Lepanto als Achtzehnjähriger. Als Bismarck die Altersrente für über Siebzigjährige einführte, entspräche das heute einem Rentenbeginn mit 85 Jahren. Vergreisung und steigende Lebenserwartung sind nichts anderes als unterschiedliche Begriffe für das gleiche Phänomen.

Das Problem liegt also nicht in einer biologischen Veränderung, sondern in einer psychologischen Unfähigkeit (oder Unwilligkeit) der Menschen, zu begreifen, dass der Eintritt des Greisenalters gleitend ist, von 50 zu 60 zu 70 und vielleicht irgendwann zu 80 Jahren.

Das Verständnis demografischer Veränderungen hinkt immer der Veränderung nach. Dieses time lag ist es, das heute Europas Rentendebatte beherrscht. Ein Sechzigjähriger ist nach heutigen Masstäben nicht alt, obwohl er nach tradierter Meinung (vor allem der Arbeitgeber) als alt gilt.

Diese populäre Auffassung ist so fest verankert, dass mancher Sechzigjährige sich selbst "alt" fühlt, obwohl weder der körperliche, noch der geistige Zustand dazu einen Anlass bieten. Dieses sich "alt" fühlen hat oft mit dem Beruf zu tun. Wenn man hingegen Bekanntschaftsanzeigen in Zeitungen liest, so fühlen sich alle über vierzig ohne Ausnahme "junggeblieben" und "vital".

Das Rentenproblem schnorrt also, demografisch gesehen, auf ein durch ein time lag bedingtes Verständnisproblem zusammen. Selbst wenn der Bevölkerung jedoch das time lag erklärt werden könnte und sie begriffe, dass ein Siebzigjähriger von heute biologisch weitgehend einem Sechzigjährigen von 1950 entspricht, bliebe ein Haken.

Dieser Haken ist sozialpolitisches Besitzstand-Denken. Der 65-Jährige von heute sieht nicht ein, warum er fünf Jahre länger als sein Vater arbeiten soll, um erst als 70-Jähriger in Rente zu gehen. Niemand kann ihm plausibel machen, dass längere Lebenserwartung nicht nur längere Kindheit, längere Ausbildungszeit und längeres Greisenalter, sondern auch eine längere Lebensarbeitszeit bedeutet.


Pay-as-you-go oder private Vorsorge

Dieser Widerstand, der die Lebensarbeitszeit als eine Pflicht, nicht als eine Chance versteht, wird natürlich durch den pay as you go-Charakter öffentlicher Rentensysteme erzeugt. Italien und Frankreich versuchen, durch massive Prämien für zusätzlich geleistete Arbeitsjahre diesen Widerstand zu schwächen und damit das durchschnittliche Rentenalter de facto hinauszuschieben, wo das de iure an der Politik entweder scheitert oder nur tröpfchenweise um ein oder zwei Jahre möglich ist. Mit dem Übergang zu individuellen Renten, die auf lebenslanger Kapitalbildung beruhen, entfällt das Problem des Rentenalters. Der Werktätige arbeitet so lange wie es ihm Spass macht, beziehungsweise so lange ihn sein Arbeitgeber haben will oder er Arbeit findet.

In den USA beschäftigen viele Firmen Menschen zwischen 65 und 80 Jahren mit Sonderstatus, beispielsweise als Manager, Berater oder Aushilfskräfte. Für manche beginnen die Jahre des höchsten Einkommens erst nach der Pensionierung oder Verrentung.

Millionen Amerikaner suchen sich einen neuen Job, sobald sie in Rente oder Pension gehen: beispielsweise sind die meisten Antiquitätenhändler und Flohmarkthändler Leute, die diesen (auch steuersparenden) Erwerb erst nach der Pensionierung begonnen haben. Ein ganzes Heer von Grau- und Weisshaarigen ist fleissig am Werke als Kleinunternehmer, Immobilienmakler, Hilfskräfte, Bed & Breakfast-Wirte, Ausbilder oder Spezialisten für irgendwas. Das bringt nicht nur (oft bitter notwendiges) zusätzliches Einkommen und sozialen Status, sondern auch Spass.

Kontinentaleuropa mit seinen öffentlichen Rentensystemen Modell Bismarck und seinen Zusatzarbeit bestrafenden Steuersystemen ist von amerikanischer Flexibilität weit entfernt. Deutschland hat sich zusätzliches Sonderproblem geschaffen: die Einbeziehung der Menschen in den neuen Ländern in das westdeutsche Rentensystem. Aufgrund der gegenüber dem Westen viel höheren Arbeitslosigkeit stehen dort hohen Rentenleistungen nur geringe Rentenbeiträge gegenüber.

Das europäische Modell gleicht der Titanic, die auf den Eisberg zusteuert. Nichts kann anscheinend das Verhängnis abwenden. In Deutschland scheitern beispielsweise Überlegungen, die Zahl und restliche Lebenserwartung der Rentner durch Anhebung der Altersgrenze zu vermindern an der Tatsache, dass die Arbeitgeber nur darauf lauern, die meisten ihrer Mitarbeiter schon ab 50 Altersjahren loszuwerden, vorzugsweise in die Frühverrentung.

Manche Politiker glauben, dass man den massenhaft in die Frührente Strebenden (oder Abgeschobenen) den Spass verderben könnte, indem man für jedes Jahr vorgezogener Rente kräftigere Abschläge als bisher fordert.

Damit werden freilich viele potentielle Frührentner zu Arbeitslosen gemacht, weil ihr Arbeitgeber sie los werden will, Rente oder nicht. Aus dem hergebrachten Lebensschema Ausbildung - Arbeitsjahre - Rente wird zunehmend ein neues Schema Ausbildung - Arbeitsjahre - arbeitslose Jahre - Rente.


Lückenbüsser

Überlegungen, wie man die demografische Lücke füllen könnte, durch Kinderprämien für Familien etwa oder durch massive Einwanderung, funktionieren auch nicht. Kinderprämien haben bisher nie und nirgendwo zu nachhaltiger Steigerung der Fruchtbarkeit einer Bevölkerung geführt. Allenfalls liessen sich kurzfristige Effekte erzielen, die jedoch die gesamte Fruchtbarkeit pro Frau nicht erhöhten.

Massive Einwanderung junger, leistungsfähiger Menschen ist ein Bonus für eine Gesellschaft wie die amerikanische, deren Rentensystem vorwiegend auf privater Vorsorge beruht. In Europa brächten die Zuwanderer zwar zunächst mehr Geld in die Rentenkassen, würden hinterher aber die Rentenansprüche in die Höhe treiben. Dies geschähe vor allem um das Jahr 2030, wenn eine derzeit noch starke Kohorte junger einheimischer Erwerbstätiger ebenfalls in Rente gehen wird.


Dr. Eisenbarts Rezept

Was also tun? Die ehrlichste Lösung wäre es, ab sofort das öffentliche Rentensystem zu beenden und alle neu auf den Arbeitsmarkt kommenden Beschäftigten aufzufordern, sich privat abzusichern durch Teilnahme an betrieblichen Renten- und Pensionsplänen, durch Kapitalbildung, Lebensversicherungen und dergleichen. Dieser Hau-Ruck-Übergang bedingt jedoch, dass der Staat — also der Steuerzahler — rund siebzig Jahre lang die Rentenansprüche der jetzigen Arbeitsnehmer finanziert.

Rund siebzig Jahre lang müssten die Rentenkassen zahlen bis die letzten der jetzigen Arbeitnehmer verstorben sind, während die Beiträge im Zuge der fortschreitenden Verrentung der jetzt noch Tätigen zurückgehen würden. Am Schluss hätten die Kassen überhaupt keine Einnahmen mehr, nur noch (freilich langsam schrumpfende) Ausgaben.

Es ist offenkundig, warum sich kein Politiker mit dieser Lösung anfreunden kann. Das Modell Doktor Eisenbart würde einer Generation von Steuerzahlern eine enorme Last aufbürden, die ökonomisch einen Zwangssparprozess darstellt. Die durch dieses Zwangssparen steigende gesamtwirtschaftliche Sparquote ginge auf Kosten des Verbrauchs, und das könnte Jahre wirtschaftlicher Stagnation zur Folge haben.

Immense Kapitalien würden dadurch zusätzlich gebildet werden, deren Früchte für die Alterssicherung der neuen Erwerbstätigen bestimmt sind. Private Renten- und Pensionsfonds würden in Europa ebenso mächtig werden, wie sie es in den USA heute schon sind, und das Kapitalangebot an Europas Börsen und Geldmärkten würde enorm steigen, mit dem Ergebnis einer langfristigen Zinsverbilligung. Das hohe Kapitalangebot würde zwar investitionsanregend wirken, andererseits aber etwaige deflationäre Tendenzen verstärken.

Nachdem das Modell Eisenbart mit seiner Hirsebrei-Schlaraffenland-Struktur zwar einleuchtend, doch wenig verlockend erscheint, versuchen es manche Politiker mit einer homöopathischen Version: statt totaler und sofortiger Umstellung auf private Vorsorge empfehlen sie ein Mischmodell mit anfangs ein wenig privatem Anteil, und dann langsam mehr, bis letztendlich die Rentenkassen nur mehr eine kleine Sockel- oder Basisversorgung leisten müssen. Wer dann nicht privat vorgesorgt hat, der driftet halt ab in Armut und Obdachlosigkeit, kann aber den Politikern keinen Vorwurf machen.

Bleibt noch die einfachste aller möglichen Massnahmen zur Behebung der Rentenkrise: Renten kürzen. Postnumerando statt pränumerando auszahlen, ein paar Berechnungsjahre abzwacken, die Renten besteuern: es gibt viele Tricks, um die Renten zu kürzen. Doch Politiker, die das tun, müssen schon ziemlich verzweifelt sein.


Das Rentenproblem — ein Missverständnis?

Betrachtet man also das Panorama der möglichen Massnahmen, so ist es an Düsternis kaum zu übertreffen. Wie es scheint, hat man nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis.

Und doch bleibt der nagende Verdacht, dass der ganzen Problematik ein enormes Missverständnis zugrundeliegt: dass die Rentenfrage ein vorwiegend psychologisches Problem darstellt.

Würde man die angebliche Vergreisung als ein von einem time lag herbeigeführte Fehlinterpretation der steigenden Lebenserwartung begreifen, dann verstünde man auch, dass die Spanne des Erwerbsalters heute statistisch kürzer gefasst ist, als der biologischen Wirklichkeit entspricht. Heute könnte ein Mensch prinzipiell ohne besondere körperliche oder geistige Problematik von 15 bis zu 65 und 70 Jahren erwerbstätig sein. Dass nur die Wenigsten diese biologische Spanne voll nutzen, ist ein gesellschaftliches und psychologisches Problem.

Zieht man die Altersgrenze bei 70 Jahren, so schrumpft die Kategorie der Greise (Senioren) erheblich, während die der (theoretisch) Erwerbstätigen entsprechend zunimmt. Es gibt also kein Vergreisungsproblem, sondern nur ein diesbezügliches Verständnisproblem.

Erinnern wir uns der eingangs angeschnittenen Frage, ob Bevölkerungsschrumpfung nicht einen wirtschaftlichen Vorteil darstellt. Die Schrumpfung der arbeitenden Jahrgänge — egal ob durch Nachwuchsmangel oder durch künstliche Begrenzung der Lebensarbeitszeit — ist aber die hauptsächliche Ursache der Rentenproblematik.

Wir dürfen nicht nur klagen, dass Schrumpfung einen Nachteil bringt — nämlich steigende Rentenbeiträge für die arbeitende Bevölkerung —sondern müssen auch den Vorteil erkennen, der in der Aufteilung des existierenden Kapitalstocks unter weniger Menschen besteht.

Die jungen Erwerbstätigen von heute, die klagen, dass sie zu viele Rentner durchfüttern müssen, sind sich nicht bewusst, dass sie eine überproportional hohe Kapitalausstattung geerbt haben.

Man kann das ganz direkt verstehen: Die heutigen Erben erhalten von ihren Eltern einen Wohlstand übertragen, den sie mit wenigen oder gar keinen Geschwistern teilen müssen.

Auch indirekt findet ein verstärkter Vermögentransfer statt: die durch öffentliche Investitionen geschaffenen Kapitalien kommt den weniger zahlreich werdenden Bürgern im Erwerbsalter verstärkt zugute, fördern also ihr Streben nach Wohlstand und benötigen, wegen verminderter Abnutzung und Umweltbelastung geringere Erneuerungsinvestitionen und damit verminderten öffentlichen Finanzbedarf.

Das sind ein geldwerte Vorteile, deren sich die jungen Menschen nicht bewusst sind, die sie vielmehr ahnungslos empfangen wie Regen und Sonnenschein.

Hier schliesst sich der Zirkel volkswirtschaftlicher Logik: die ererbte Mehrausstattung an Privatvermögen und öffentlichem Kapital versetzt die heute erwerbstätigen Jahrgänge in die Lage, steigende Rentenbeiträge zu entrichten.

Die Rentenproblematik ist also im Wesentlichen nichts anderes als die Kehrseite der Münze "Bevölkerungsschrumpfung", auf deren Stirnseite ein fettes Euro-Zeichen geprägt ist.


Fazit

Niemand bestreitet heute mehr ernstlich, dass das pay-as-you-go-System der staatlichen Rentenkassen ausgedient hat. Doch der Übergang zu einem voll privaten System ist lang, kostspielig und schmerzhaft. Da ist es sinnvoll, sich zu erinnern, dass den Defiziten der Rentenkassen und den steigenden Rentenbeiträgen der Erwerbstätigen echte Gegenwerte in Form höherer öffentlicher und privater Kapitalausstattung pro Erwerbstätigen entsprechen.

Wer diese Kapitalzuwächse zur Deckung der Defizite heranzuziehen versteht, hat im Prinzip das Problem der öffentlichen Rentenkassen gelöst.

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—— Benedikt Brenner